
Auf meiner Suche nach alten, authentischen Bibel-Texten bin ich in einem Antiquariat auf diese alte (außen erstaunlich modern gestaltete), aber noch sehr gut erhaltene Bibel gestoßen in der ursprünglichen Luther-Übersetzung. Er übersetzte den sog. Textus Receptus, die seit der byzantinischen Zeit vereinheitlichte und weit verbreitete Textgestalt des Neuen Testaments. Diese Ausgabe hier verwendet die noch bis zum Zweiten Weltkrieg übliche deutsche Fraktur-Schrift. Ich liebe diese alten Texte, die meiner Meinung nach eine ehrwürdigere und authentischere Aussagekraft haben, als viele neuere Auslegungen. Damit will ich absolut nix gegen die Volxbibel sagen - die ist voll O.K. und zeitgemäß, ich lese die selber gerne, wenn mir danach ist - aber sprachlich kann die einfach mit den alten Texten nicht mithalten! Aber der allgemeine sprachliche Niedergang ist ja sowieso ein Zeichen unserer Zeit!
Nun, in dieser alten Bibel lag ein Kärtchen mit einem ebenso alten, antiquiert klingendem Gedicht über das rechte Lesen der Bibel, welches ich hier zitiere:
"Die Bibel mußt du langsam lesen,
behutsam und mit wachem Ohr,
und soll dein krankes Herz genesen,
so lies sie laut dir selber vor.
Wie edlen Wein mußt du sie trinken:
bedächtig - und in stiller Stund.
Wenn Welten um dich her versinken,
tut sie dir ihr Geheimnis kund.
Wie Roggenbrot mußt du sie essen:
besinnlich - ohne Hast und Gier.
So wie im Kloster weltvergessen
ein Mönch betet sein Brevier.
Und wie in abgeleg´ner Klause
verharre gerne im Gebet,
wenn dich in schöpferischer Pause
der Odem Gottes sanft umweht.
Viel Irrkraut wuchert auf den Feldern,
daraus keine Biene Honig saugt.
Viel dürres Holz liegt in den Wäldern,
das schier nur zum Verbrennen taugt.
Ich grub so viel mit meinem Spaten
und immer war es Wüstensand -
bis ich an jenes Buch geraten,
darin ich Gold und Silber fand.
Auf alle meine tausend Fragen
gab Antwort mir das weise Buch,
hat um mein kaltes Herz geschlagen
den Frieden, wie ein warmes Tuch."